Texten: Das Wörtchen „eigentlich“

Es kann überall und muss nirgends stehen. Trotzdem schleicht es sich ein, das Wörtchen eigentlich. Wir finden es in Texten, Nachrichten und in unserer alltäglichen Kommunikation. Und in den meisten Beispielen kann das Wort einfach weggelassen werden und niemandem würde es auffallen, niemand würde es vermissen. Oder etwa doch? Zu irgendetwas muss es doch gut sein. Wenn es sich aber so hartnäckig behauptet, dann muss es eine Daseinsberechtigung haben. Im Sinne der Sprachökonomie würde es sonst aussterben, ist der Mensch in seinem Sprachgebrauch doch sonst faul und neigt dazu, Sprache zu verkürzen und Überflüssiges wegzulassen.

Wortherkunft und Wortbedeutung
Schon das Mittelhochdeutsche kennt das Wort „eigenliche“. Damals war es vor allem ein adjektivischer Eigentumsverweis, wie in den Wörtern „eigen“ oder „leibeigen“. Neben dem Gleitlaut „t“, der sich etwa ab dem 15. Jahrhundert in das Wort einschleicht, erweitert sich die Wortbedeutung um „ursprünglich“ und „wirklich“. Im heutigen Sprachgebrauch hat eine weitere Bedeutungserweiterung stattgefunden. Heute bedeutet es außerdem „denn“ oder „überhaupt“, so etwa in Fragesätzen:
„Wie heißt du eigentlich?“
„Woher kommst du eigentlich?“
Darüber hinaus kann das Wort attributiv oder adjektivisch genutzt werden.

Nur ein unnötiges Füllwort
Füllwörter blähen Sätze und Texte auf, sie bieten aber selten einen Mehrwert. Deshalb können sie in den meisten Fällen gestrichen werden, ohne dass der Text seine Verständlichkeit und Lesbarkeit einbüßt. Bewusst eingesetzt können sie jedoch sinnvoll sein, etwa wenn sie als Stilmittel gezielt platziert werden.
„Eigentlich war die Idee, mehr Geld in Werbung zu investieren sehr gut. Und eigentlich ist das eine gute Möglichkeit, um Kunden zu gewinnen. Allerdings war die Umsetzung …“
Darüber hinaus erschweren sie das Textverständnis und hemmen den Lesefluss und sollten gemieden werden.

Die Ausnahme – sinnvoller attributiver Gebrauch
Wenn das Wesentliche einer Sache unterstrichen werden soll, ist der Gebrauch des Wortes sinnvoll. In diesem Zusammenhang bedeutet es „ursprünglich“ oder auch „wirklich“, wie in den folgenden Beispielsätzen:
„Ihre eigentliche (ursprüngliche) Aufgabe ist die Betreuung der Neukunden.“
„Der eigentliche (wirkliche) Sinn Ihrer Geschäftsreise ist die Kundenakquise.“

Durch den Gebrauch des Füllwortes wird das Wesentliche des Bezugswortes unterstrichen.
In den oben angeführten Beispielen ergeben die Sätze auch ohne das Füllwort einen Sinn, allerdings fehlt dann die Fokussierung auf das Bezugswort:
„Ihre Aufgabe ist die Betreuung der Neukunden.“
„Der Sinn Ihrer Geschäftsreise ist die Kundenakquise.“

Klare Aussagen nicht verwässern
Füllwörter schwächen den Aussagegehalt eines Satzes ab. Dies gilt vor allem für unser Beispielwort „eigentlich“. Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen den Sätzen „Das können Sie so machen“ und „Das können Sie eigentlich so machen“. In diesem Fall ist eigentlich nicht nur ein Füllwort, sondern ändert die Gesamtaussage. Beim ersten Beispiel handelt es sich um eine klare Anweisung. Bei dem zweiten Beispiel ist die Aussage unklar. Der Empfänger fragt sich, was er anders machen könnte und geht davon aus, dass sein Lösungsvorschlag den Empfänger nicht in vollem Umfang zufrieden stellt. Das Wort bringt demnach etwas Unsicheres und Halbherziges zum Ausdruck. Klare Aussagen und Anweisungen brauchen kein „eigentlich“. Sollen klare und unmissverständliche Aussagen gemacht oder Anweisungen gegeben werden, muss das Wort „eigentlich“ gestrichen werden.

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