Gestaltung: Die Farbe Gelb

Gestaltung: Die Farbe Gelb
Signalfarbe Gelb. Grafik: ddok / Adobe Stock 

Die Bedeutung der Farbe Gelb ist ambivalent. Seit jeher sind mit ihr sowohl positive als auch negative Vorstellungen verbunden. Ihr Einsatz verlangt ein differenziertes Wissen um die verschiedenen Bezugsebenen und -möglichkeiten.

Traditionell steht die Farbe Gelb in eher negativem Zusammenhang. In der abendländisch-christlichen Kunst erhielt der Verräter Judas bei der Darstellung des Letzten Abendmahls ein leuchtend gelbes Gewand. Auch bei der Gefangennahme Christi ist Judas nicht nur daran zu erkennen, dass er Jesus küsst, sondern auch an seinem gelben Gewand. Gelb steht somit seit Jahrhunderten in der westlichen Kultur unwiderruflich für Neid und Verrat. Auch weil der Neid (lat. invidia) zu den Lastern zählt, ist die Farbe Gelb eindeutig und auch für viele heutige Menschen mit negativen Emotionen verbunden. Die Redensart „gelb vor Neid werden“ hat hierin ihre Wurzeln. Gelb nutzte man daher auch zu Zwecken der Diffamierung, wie der Judenring im Mittelalter und der Judenstern während der Zeit des Nationalsozialismus belegen. Gelb ist auch ein Zeichen für Krankheit, denn „gelb im Gesicht“ wird, wem übel ist. Unabdingbar ist dieses Wissen bei der Arbeit mit der Farbe Gelb.

Erst mit der Kenntnis anderer Kulturen erfuhr die Farbe Gelb eine positive Veränderung. In der Antike, in den vorzeitlichen Hochkulturen, in indigenen Kulturen und überall dort, wo aufgrund der geografischen Lage ein warmes Klima herrscht, steht Gelb als die Farbe des Lichts und des Feuers dem wichtigsten Himmelsgestirn, der Sonne, nahe. Das Gelb des reifen Weizens oder leuchtender Zitrusfrüchte verweist auf die Fülle des Sommers und die Gunst einer reichen Ernte. Weil die Sonne mit dem Göttlichen identifiziert wurde – wie etwa im Alten Ägypten der Sonnengott Re auf dem Haupt eine goldene Scheibe trug – und wegen seiner Nähe zu Gold, erhielt Gelb eine positive Bedeutung. Sich im Wind wiegende Kornähren oder Narzissen, schaukelnde Butterblumen, blasse Zitronenfalter und flammende Sonnenblumen sind auch in Mitteleuropa ein Zeichen für warme Jahreszeiten. Der gelbe Safran hingegen steht als eines der einstmals teuersten Gewürze wiederum in der Nähe des Goldes, der kostbarsten Materials überhaupt, die allein zur Verehrung und Symbolisierung des Göttlichen angemessen ist und war.

Die zwei Gesichter der Farbe Gelb

Wie die Sonne, die nähren wie auch verbrennen und zerstören kann, und anders als Gold, dem die Farbe Gelb naturgemäß nahe steht, besitzt sie zwei Gesichter. Dies ist auch in der Farbenlehre nachvollziehbar. Das Spektrum reicht von kaltem Gelb mit einem höheren Anteil Grün über neutrales Gelb bis hin zu warmem Gelb mit einer höheren Beimischung von Rot. Für den Einsatz in der Grafik haben diese „Temperaturen“ einen zentralen Stellenwert. Dementsprechend reichen die emotionalen Verbindungen von beunruhigend und aufdringlich bis hin zu behaglich und sanft. In der modernen Welt kann Gelb zudem eine Signalfarbe sein, die „Achtung“ besagt, etwa an der Verkehrsampel, oder „Vorsicht“ bei Elektrizität, Gift und Gefahrgütern wie dem gelb hinterlegten Blitz, Kreuz oder Totenkopf oder dem mit drei schwarzen Feldern versehenen Label für Atomkraft und nukleare Stoffe. Gelb signalisiert Ladung und Spannung, im besten Fall Energie. Als Signalfarbe wirkt es auch bei alltäglicheren Dingen wie einem Briefkasten oder Straßenschildern. Lautstärke und Buhlen um Aufmerksamkeit drückt sich in Bezeichnungen wie „Yellow Press“ aus, die Klatschpresse, die zugleich hinsichtlich Farbwahl und Letterngröße diejenige mit den gleichsam schreienden, lauten Titelblättern ist.

Gelb heitert auf, gelb steht für Lebenskraft und Vitalität, Harmonie und Fröhlichkeit – in düsteren oder allzu neutralen Räumen wirkt es sich positiv auf die Nutzer aus. Als ein Mittel der Gestaltung, das Harmonie verbreitet, weist es ähnliche Eigenschaften auf wie andere Gestaltungsmittel mit vergleichbarer Wirkung: Goldener Schnitt beispielsweise. In der Farbenlehre des Feng Shui und überhaupt im asiatischen Kulturkreis steht Gelb für Weisheit, Toleranz, Geduld und Kontrolle – also Eigenschaften, die in vielfacher Hinsicht ein zentrales Element der fernöstlichen Kultur ausmachen: den Sieg über das Ego.

Die Leuchtkraft des Gelb lässt sich bei der Gestaltung von Printmedien gut einsetzen, um die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Botschaft zu lenken, die mit dem Bedeutungsspektrum der Farbe in Übereinstimmung steht, also beispielsweise im Bereich der Gesundheit. Gelb ist die Komplementärfarbe von Violett, steht auf dem Farbkreis also dem Violett gegenüber. Damit sind zugleich die größten Gegensätze in Bezug auf Helligkeit und Farbtemperatur bezeichnet. Wie das Violett kann Gelb zum warmen wie auch zum kalten Farbton tendieren. Gelbe Schriften auf einem Hintergrund aus Blau oder Violett springen also besonders signalhaft und deutlich hervor. Anders als Violett ist Gelb allerdings eine Primärfarbe, das heißt, sie kann nicht durch Mischen aus zwei weiteren Farben entstehen. Auch gehört Gelb zu den vier Farben des Vierfarbdrucks (CMYK) und wird dort als „Yellow“ bezeichnet.

Für die Gestaltung mit Gelb sind wegen des beschriebenen ambivalenten Bedeutungsspektrums sowohl im Bereich der Grafik Vorüberlegungen wesentlich: Der Bedeutungsrahmen muss wie in anderen Fällen (“Goldener Schnitt”) festgelegt werden. Mit anderen Worten: Gelb kann man nicht sich selbst überlassen, die damit verbundenen Vorstellungen müssen berücksichtigt werden.

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